Heimkehr ins reine Selbst

Die Kunst des Wellenreitens

Im sechsten Kapitel der Bhagavad Gita, erläutert Sri Krishna (Gott) den Pfad des Dhyana Yoga, den Weg der Meditation und Kontemplation. Dhyana verfolgt wie alle Wege des Yoga nur ein Ziel, den Geist in tiefer und müheloser Achtsamkeit zu wurzeln, damit Jivatman (inkarnierte Seele) sich ihrer wahren Natur Atman (exkarnierte Seele) und ihrer ewigen individuellen Beziehung zu Paramatman (Überseele, Gott) wieder bewusst wird.


Am Gipfel dieses Weges hast du all die Angstprogramme und negativen Konditionierungen deines Ego, welche dich zu ständiger Anhaftung und Aversion zwingen, überwunden. Es wird seine rechtmässige und natürliche Position, als Diener deiner Seele wieder einnehmen und dich mit Glückseligkeit, bedingungsloser Liebe, Freiheit und Gleichmut beschenken, selbst zu den Zeiten, in denen du durch die Wellen, deiner karmischen Stürme und Unwetter navigieren musst.

Je weiter du auf dem Pfad, des achtfachen Lotos voranschreitest, desto mehr wird sich dein Leben zu einem kosmischen Tanz unendlicher Farben und Formen verwandeln. Einem ununterbrochenen Austausch, bedingungsloser Liebe und Hingabe, zwischen dir und Gott, in der die Vollkommenheit und Schönheit der Schöpfung sich ungehindert offenbart, dich durchströmt und auf allen Ebenen deines Seins erfüllt.

 

Dein früheres Bewusstsein von Trennung, Spaltung und Auseinandersetzung, wird sich ins vollkommene und alldurchdringende Sein deines reinen Selbst auflösen und nichts wird dich je wieder binden oder blenden. Dein Bewusstsein wird so klar, offen und fokussiert sein, die Wahrheit so offensichtlich, dass es dir gelingt, selbst die widersprüchlichsten polaren Kräfte mit Leichtigkeit zu vereinen, ihren Grund und das Geschenk ihres Daseins wahrzunehmen und sie zu transzendieren, sobald sie ihre Bestimmung erfüllt haben.

Wellen - Sturm auf dem Ozean

Seenot im Ozean des reinen Selbst

Wellen sind etwas Wunderbares, so belebend, so erfrischend, so berauschend! Doch wenn du nicht wachsam bist, verlierst du sehr schnell die Kontrolle über sie. Was gerade noch so bezaubernd war, verwandelt sich zu einem mörderischen Monster, einem Tsunami, der dich zu verschlingen droht.

Vergleiche dein reines göttliches Bewusstsein mit einem spiegelglatten Ozean, in dem sich das gesamte Universum und alles darin Existierende, inklusive dir, in seiner wahren Natur und vollkommenen Schönheit reflektiert. Nun stelle dir diesen Ozean vor, mit Wellen, vielleicht sogar einem Sturm. Das sind deine Samskaras. Latente, unbewusste Prägungen, die, einmal durch äussere oder innere Reize aktiviert, den Meeresboden erschüttern oder wie ein Sturm das Wasser aufpeitschen und deinen Ozean in Bewegung versetzen. 

 

Die Erfahrung deiner aktivierten Samskaras nennt man Karma, das Ernten der Früchte deiner vergangenen bewussten und unbewussten Taten. Oder wie in unserem Beispiel, die Wellen, die erzeugt werden, weil du oder jemand anderes auf Knöpfe drückt, die gewisse unterbewusste Prägungen und Konditionierungen aktivieren, über die du keine Kontrolle hast.

Jede Welle, die du so erzeugst, wird auch über dich hereinbrechen, ob du willst oder nicht. Gewisse Erfahrungen damit sind durchaus ziemlich prickelnd und reizvoll, erfüllen dich mit Erregung und Verlangen nach mehr. Andere Wellen hingegen sind sehr heftig und alles andere als genussvoll, sie erfüllen dich mit Angst und Abneigung. Leider gibt es nichts, was du dagegen tun kannst, ausser still und demütig abzuwarten, bis ihre Kraft verpufft und sich die Wogen wieder glätten.

Doch bedauerlicherweise machst du mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit genau das Gegenteil davon. Angestrengt versuchst du, mit mehr oder weniger einfallsreichen Gegenmassnahmen auf die Situation zu reagieren, um sie unter deine Kontrolle zu bringen. Dabei entgeht es dir vollkommen, dass du mit deinem unbeholfenen Strampeln nur noch zusätzliche Wellen erzeugst.

 

Je länger dieser Zustand anhält, desto schlimmer wird es. Irgendwann ist dein Ozean so voller Wellen, ist alles so verzerrt, dass ein klares Erkennen und Verstehen der Realität undenkbar wird. Fortwährend damit beschäftigt, nicht unterzugehen, vergisst du vollkommen, wer du einmal warst, bevor du zugelassen hast, dass dieser Sturm über dich hereinbricht und dein Leben sich in eine verzerrte Illusion (Maya) verwandelt.

Treibend im Sturm deiner unkontrollierbaren Gedanken, Gefühle und Emotionen, deiner unzähligen Verlangen und Abneigungen, brechen die Wellen des Lebens über dich herein, wirbeln dich umher, drücken dich unter Wasser, spielen mit dir, wie es ihnen gefällt. Hilflos ausgeliefert, Angst erfüllt, mit Panik in den Augen tauchst du auf, schnappst verzweifelt nach Luft, bevor die nächste Welle dich erwischt.

Während du um dein Überleben kämpfst, treiben die Trümmer deiner zerschlagenen Träume an dir vorbei. Mit aller Kraft klammerst du dich an ihnen fest, glaubst ein wenig Sicherheit und Rettung gefunden zu haben. Doch kaum hat die Angst deine Sinne für einen Moment aus ihrem Würgegriff entlassen, erkennst du enttäuscht und erschrocken die Lüge deiner Illusion: "Alles nur Treibholz!"

So strampelst du an dein Treibholz geklammert fluchend, schreiend, kämpfend, jammernd, flehend, leidend durch dein Leben und erzeugst immer noch mehr Wellen und Stürme.

Ertrinken - Hand ragt aus dem Wasser

Wenn du Rettung willst, ertrinke und stirb!

Für den in Illusion verstrickten Geist tönt das absolut grausam, erschreckend und makaber. Doch im Spiegel des glatten Ozeans betrachtet, weicht das verzerrte Verständnis einer erhabenen Schönheit, Tiefe und Güte, die dieser oberflächlich provokant erscheinenden Aussage innewohnt.

 

Echte Rettung (nicht Treibholz) kann nur dann geschehen, wenn du endlich anerkennst, dass du auf dich allein gestellt (Ego) völlig hilflos bist. Erst wenn du an dir selbst und deinen Illusionen, deinen unzähligen Anhaftungen und Aversionen, deinen ständigen Lügen und Ausreden zerbrichst, erst wenn du untergehst und keine Kraft mehr hast selbst wieder aufzutauchen, erst dann, kann dir wirklich geholfen werden.

 

Dieses Zerbrechen, dieses Untergehen, kann zwar bis zu einem gewissen Grad hinausgezögert werden, jedenfalls so lange, wie dein positives Karma das Negative noch auszupendeln vermag. Doch letztendlich führt kein Weg daran vorbei, irgendwann wirst du ertrinken, muss deine falsche Identität sterben. Diese Hilflosigkeit muss erfahren werden, denn erst dann hast du die nötige Reife entwickelt, um deinen wahren Guru, Lehrer oder Meister zu treffen. Erst dann bist du in der Lage, seine Hilfe zu verstehen und anzunehmen.

 

Solange du jedoch lieber an deiner Ego-Ignoranz festhalten willst und glaubst, selbst als allmächtiger und allwissender Gott über den Ozean des Lebens zu herrschen, kann dich niemand aus deiner Seenot retten. Nicht in allen drei Welten, weder in der physischen, der astralen noch der kausalen, ja nicht einmal Gott selbst ist dazu in der Lage.

 

Du musst deine Hilflosigkeit anerkennen, musst lernen loszulassen von allem, was du glaubst zu sein und nicht zu sein, auch von allem, was du denkst zu besitzen und nicht zu besitzen, sowie von allem, was du denkst zu benötigen und nicht zu benötigen. Du musst aufhören zu strampeln und Wellen zu schlagen und stattdessen lernen wieder so zu sein, wie der spiegelglatte Ozean deines natürlichen Selbst. Ein Spiegel, in dem sich das gesamte Universum ungetrübt, mit all seinen Erscheinungsformen, mit all seiner Vollkommenheit und Schönheit reflektiert.

Das ist die wahre Bedeutung von Sterben. Es ist die Wiedergeburt ins wirkliche Leben, jenseits der Illusion und all ihren Leiden. Die Aufgabe des Guru, Lehrer oder Meisters, ist, dich durch deinem Sterbeprozess zu begleiten und auf der anderen Seite wieder zu empfangen, damit er dich in dein wahres Leben, dein reines, göttliches Selbst einweihen kann.

Kopf einer jungen Frau

Turya - Der Zustand des reinen Selbst

Dein wahres Selbst ist Turiya (reines, göttliches Bewusstsein), der vierte Bewusstseinszustand, der in der Silbe OM zum Ausdruck kommt. Turiya transzendiert die bedingten weltlichen Bewusstseinszustände von Jagrata (Wachen), Svapna (Träumen) und Susupti (Tiefschlaf) ins reine, bedingungslose spirituelle Bewusstsein. Die Erfahrung von Turiya macht man in Samadhi (tiefe Meditation und Kontemplation). Echtes Samadhi ist immer durchdrungen von drei Eigenschaften:

  • Sat - reines, vollkommenes Sein in seiner ewigen und unveränderlichen Existenz.

  • Chit - reines, vollkommenes Bewusstsein, wahres Selbst, jenseits von Form und Anhaftung.

  • Ananda - reine, vollkommene und bedingungslose Glückseligkeit und Freude.

Samadhi liegt jenseits von Körper, Geist, Ego und Intellekt, wird aber durch sie und in ihnen erfahren. Du kannst es dir etwa so vorstellen, wie die meisterhafte Symphonie eines Orchesters. Es braucht gut gestimmte Instrumente (Körper, Geist, Ego und Intellekt), um klare Klänge zu erzeugen und es braucht die Anwesenheit eines geschulten Dirigenten (Seele), der weiss, wie all die unterschiedlichen Klänge zu einer vollkommenen Symphonie vereinigt werden.

 

Durch Weisheit, Erfahrung und bestimmte Methoden weist der Guru, Lehrer oder Meister seinen Schülern den Weg. Jedoch in Wahrheit, gibt es keine Mittel, keinen Weg und keine Werkzeuge, um Turiya und Samadhi zu erreichen, denn sie können nicht gemacht werden.

Wir können nicht werden, was wir längst sind!

Turiya ist der reine, natürliche Zustand unseres Selbst (Atman), keine Handlung. Samadhi ist die Meisterschaft, sich trotz der Bedingungen eines verkörperten Zustands (Inkarnation), in seinem göttlichen Bewusstsein zu verankern und ein Leben frei von illusorischen Bedingungen zu führen.

 

Turiya und Samadhi offenbaren sich immer gleichzeitig, ganz spontan, vollkommen natürlich, zum richtigen Zeitpunkt und genau in dem Mass, wie ein Sadhaka oder eine Sadhika (spirituelle Aspiranten) durch hingebungsvolles und diszipliniertes Praktizieren von Sadhana (Methoden zur Überwindung der Illusion) gereift sind.

Samadhi - Drei Stufen der Verfeinerung

Auf die Frage, was genau Samadhi ist und wie du es erkennen kannst, gibt so viele unterschiedliche Antworten, wie es unterschiedliche spirituelle Meister mit ihren jeweils unterschiedlichen Herangehensweisen gibt. Letztendlich kann aber keine Erklärung und sei sie noch so gut definiert, deine eigene Erfahrung von Samadhi ersetzen.

Trotzdem will ich dir gerne einen ungefähren Leitfaden aufzeigen, an dem du dich orientieren kannst. Das hier vorgestellte Konzept ist stark vereinfacht, deckt sich aber grössten Teils mit vielen anderen bekannten Konzepten, die zu beschreiben versuchen, wie du Samadhi in deiner menschlichen Inkarnation erfahren kannst.

Savikalpa Samadhi - Bewusstes Samadhi

Savikalpa Samadhi, auch das Samadhi mit Unterschieden genannt, ist am einfachsten zu erklären als leichte bis mittlere Trance. Ein erhöhter Bewusstseinszustand, in dem dein Geist hellwach, klar und präsent ist und doch gleichzeitig so ruhig und entspannt als würdest du schlafen. Es können jederzeit Gedanken, Gefühle und Emotionen auftauchen, aber deine Trance wird dadurch nicht gestört oder unterbrochen.

 

Deine Gedanken, Gefühle und Emotionen ähneln eher spielenden Kinder in einem Zimmer, während du wie ein Vater oder eine Mutter in dein reines Selbst vertieft bist. Die Kinder spielen, aber sie stören dich nicht. So kann es in Savikalpa Samadhi zu einer Turbulenz von Gedanken und Ideen kommen, aber die göttliche Trance wird davon nicht beeinträchtigt und kann ununterbrochen genossen werden.

In diesem Samadhi erlangt dein Geist zusehends Meisterschaft über die niederen Siddhis (yogische Kräfte). Du entwickelst verschiedene Hellsinne, telepathische Fähigkeiten, die Kraft für geistiges Heilen und Channeling. Da dein Ego aber noch immer präsent und noch nicht zu hundert Prozent bereit ist, deinem höchsten Selbst zu dienen, ist grosse Vorsicht geboten, wie du diese Kräfte einsetzt.

 

Wenn du sie aus reinem Motiv einsetzt, werden sie der Menschheit einen grossen Dienst erweisen und du wirst auf deiner spirituellen Reise demütig und sicheren Schrittes vorankommen. Wenn du sie aber aus Gier und Ehrgeiz zur persönlichen Sinnesbefriedigung einsetzt, wirst du damit leicht grossen Schaden anrichten und nicht nur deinen spirituellen Fortschritt ausbremsen, sondern auch den all jener Menschen, denen du damit begegnest. Überlege dir also gut, ob du dafür später die karmische Verantwortung tragen willst.

Nirvikalpa Samadhi - Unbewusstes Samadhi

In Nirvikalpa Samadhi, auch das Samadhi ohne Unterschiede genannt, ist dein Bewusstsein in Tieftrance. Dein Ego und deine Samskaras sind zeitweilig aufgelöst und nur dein reines Bewusstsein bleibt übrig.

Die materielle Welt verliert sich wie ein Schatten in der Dunkelheit. Geist und Denken lösen sich komplett auf und übrig bleibt nur reine unidentifizierte Präsenz und Wahrnehmung, bedingungsloses, formloses Sein. Erfüllt von unendlichem Frieden und Glückseligkeit endet hier der Tanz der Schöpfung. Der Wahrnehmer und das Wahrgenommene werden eins. In Nirvikalpa Samadhi geniesst du eine höchst göttliche, alles durchdringende, selbstverliebte Ekstase. Du wirst das Objekt des Genusses, der Geniesser und der Genuss selbst.

Beide, Savikalpa und Nirvikalpa sind bedingte und somit vorübergehende Samadhis. Du kannst sie nur dann erfahren, wenn es dir gelingt, die Anhaftung deiner Sinne vollkommen von der Aussenwelt zu lösen. Beide Samadhis können von einigen Sekunden oder Minuten, bis zu mehrere Stunden oder Tagen andauern, doch irgendwann kehrst du wieder zurück in dein bedingtes, weltliches Bewusstsein, um mit der Aufgabe deiner Inkarnation weiterzumachen.

Sahaja Samadhi - Die Wolke der Tugend

Das schönste Samadhi, das dir als Mensch zuteilwerden kann, ist Sahaja Samadhi, auch Wolke der Tugend genannt. Sahaja entsteht, wenn du sogar den Wunsch verloren hast, Gott zu finden oder erleuchtet zu werden, was du bitte nicht mit der Ignoranz, Abneigung und Faulheit deines Egos verwechseln sollst.

 

Es ist unmöglich Sahaja Samadhi durch Bemühungen zu erreichen, denn es offenbart sich erst dann, wenn sich jegliche Bemühung aufgelöst hat. Sahaja ist jenseits aller Vorstellungen von Absolutem und Relativem. Wenn absolut nichts mehr in dieser Welt, nicht einmal die Versuchungen deiner yogischen Kräfte Ablenkung verursachen, so heisst es, regnet das reine Wissen wie eine Wolke der Tugend auf dich herab und bringt dir die Befreiung und Glückseligkeit des Göttlichen. So wie meine beiden Guruji, es während ihrer Verkörperung als Sri Anandamayi Ma und Sir Ramana Maharshi, wirkungsvoll für uns veranschaulicht haben.

Einen Menschen auf der Stufe von Sahaja nennt man Jivamukti, eine befreite Seele, die noch im physischen Körper verweilt, bis ihr Samsara (Lebensrad, Kreislauf der Wiedergeburten) ausrollt und zum Stillstand kommt. Obwohl verkörpert, sind alle Plagen der Samskaras und Karmas überwunden, weil jegliche Anhaftung, jegliche Zu- und Abneigung, jegliche Selbstidentifikation mit ihnen verloren ist.

 

Was immer auch ist, ist und was immer auch sein wird, wird sein, ein Jivamukti bleibt davon unberührt. Die Reflexion im Spiegel seines Ozeans wird durch keine Wellen verzerrt.