Daniel, wer bist du?

Oje, wie soll ich das nur in Worte fassen?

Portrait - Daniel Lüscher

Aus menschlicher Sicht

Hallo, liebe Schwester, hallo, lieber Bruder! Ich freue mich von ganzem Herzen, dass du hier bist! Doch bevor du damit beginnst diesen Text zu lesen, bitte ich dich das Datum und die Uhrzeit zu prüfen!

Warum?

Ganz einfach! Weil du dir gerade jetzt ein bestimmtes Bild über mich in deinem Geist zu Recht bastelst. Gerade, vor wenigen Sekunden, hast du die Überschrift dieser Seite gelesen und das abgebildete Foto betrachtet. Gut möglich, dass du davor nicht einmal eine Ahnung davon hattest, dass ich existiere!

Was glaubst du, hast du in dieser kurzen Zeit über mich erfahren?

Richtig, fast gar nichts!

 

Dafür aber jede Menge über dich! Denn, ist dir während dieser kurzen Zeitspanne aufgefallen, wie du, ohne etwas Signifikantes über mich und mein Leben zu wissen, dein Geist sofort damit begann, ein Skript und einen Film über mich zu schreiben? Fällt dir in irgendeiner Weise auf, wie du mich gerade aufgrund deiner Erfahrungen und den daraus resultierenden Vorurteilen, in eine bestimmte Akte deines Unterbewusstseins verfrachtest?

 

Erkennst du, wie du diese Akte selbstzufrieden und selbstgerecht in einer gewissen Sektion deines unterbewussten Archivs verstaust? Bist du dir bewusst, wie du dieser Sektion ohne jegliche Überprüfung, einen ganz bestimmten Titel verliehst? Erkläre mir doch bitte einmal:

Womit rechtfertigst du, dass deine Wahrnehmung über mich gerechtfertigt ist?

Basierend auf einer Überschrift und vielleicht noch ein paar zusätzlicher Informationen von dieser Webseite. Aufgrund eines Fotos, von dem du vielleicht nicht einmal weisst, ob es wirklich mich darstellt! Hast du bemerkt, wie du dir gerade in Sekundenschnelle, eine ganze Geschichte erschaffst, mit der du mich zukleisterst?

 

Was bitte hat das alles mit mir zu tun?

Bist du wirklich der Meinung, ich glaube dir, wenn du mich fragst:

Daniel, wer bist du?


Was meinst du? Was hättest du über mich geglaubt, wie hättest du mich eingestuft, wärst du vor einer Woche auf mich gestossen? Oder vor einem Monat? Oder vor ein paar Jahren oder Jahrzehnten, als du noch ganz anders dachtest und fühltest als heute?

Was meinst du? Was würdest du über mich glauben, wie würdest du mich einstufen, wenn ich erst in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren in dein Leben treten würde? Woher willst du wissen, wie du dann denken und fühlen wirst? Erkennst du, wie das, was du in mir zu erkennen glaubst, so viel mehr über dich aussagt als über mich?

Wie bitte, soll ich dir so erklären, wer ich bin? 

Erkennst du, dass vollkommen egal, was ich dir über mich erzähle, du auf diese Weise niemals fähig sein wirst, mich wirklich zu verstehen, weil du jedes Mal gleich damit anfängst, alles, was ich dir gebe, in deine eigene Geschichte über mich zu verwandeln. Jeden spannenden Akt meiner Lebensgeschichte könnte ich herbeiziehen, ihn dir in den schillerndsten Farben und detailreichsten Facetten präsentieren und du würdest mich trotzdem immer noch basierend auf deinen eigenen Werten und Erfahrung definieren! Und weisst du, was das Tragische daran ist?

Mir geht es genauso!

Jedenfalls dann, wenn wir uns, so wie hier in diesem Text, auf der Ebene des illusorischen "ICH" begegnen. Verhüllt in unzählige Maskeraden, die, wenn wir nicht wach und aufmerksam sind, uns die ganze Zeit davon zu überzeugen versuchen, dass wir dieser Körper, diese Gedanken, Gefühle, Konzepte, Ideen, Vorstellungen, Wünsche und Handlungen sind, die wir täglich mit uns herumtragen und allen unter die Nase reiben. Vielleicht verstehst du mich jetzt ein bisschen besser, wenn ich manchmal Dinge sage wie:

Bitte halte doch für einen Moment den Mund und sei still,

wenn du wirklich mit mir kommunizieren willst! 

Nach so vielen Leben der angestrengten Suche, ohne jemals wirklich genau zu wissen wonach, habe ich es gefunden, oder besser gesagt es hat mich gefunden. Als ich keine Kraft mehr hatte zu schwimmen, keine Kraft mehr, um meine kleine persönliche Illusion zu verteidigen. Als ich aufgab, weil mein ganzer Wille und Mut mich verliessen. Als ich mich endlich ohne Widerstand von meinen Monstern, die in der Dunkelheit auf mich lauerten, fressen liess!

Es war das Schrecklichste und gleichzeitig Schönste, was mir jemals passiert ist!


Im selben Augenblick, in dem ich bereit war zu sterben, wurde ich wiedergeboren. Doch ich wüsste nicht, wie ich dir das in irgendeiner Form erklären könnte, denn alles, was ich dir hier auf dieser Ebene präsentieren kann, sind Formen. Formen, die du am Ende sowieso wieder auf deine ganz eigene Weise interpretieren wirst.

 

Tausende von Worten kämen mir in den Sinn zu umschreiben, hunderte von Taten, um andeutungsweise zu demonstrieren, wer oder was ich heute bin. Doch nichts könnte der Wahrheit jemals näher kommen, als diese all durchdringende Stille, diese namenlose, liebevolle und achtsame Präsenz, die im Kern einer jeden Erscheinung (dich eingeschlossen) und auch in allem, was sie umgibt und durchdringt, existiert.

Wenn es irgendetwas an mir gibt, das wahrhaft authentisch ist, dann das!

Das alles, macht mich nicht zu einem Heiligen, sowas käme mir nicht in den Sinn, denn mein reines Selbst hat keinen Sinn, es erfährt sich nicht als dieses kleine "ICH"(Ego), das dermassen davon überzeugt ist und mit aller Kraft daran festhält, dieser vergängliche Körper, mit seinen Gedanken, Gefühlen, Emotionen, Wünschen, Zu- und Abneigungen zu sein.

 

Dieses kleine und doch so grossmäulige "ICH", das sich seine Existenz fast ausschliesslich durch ungeprüfte, vorgekaute und vorverdaute Ideen und Konzepte anderer rechtfertigt und glaubt, es müsse diese allen unter die Nase reiben, um sie von seiner Wichtigkeit und Einzigartigkeit zu überzeugen! Und wenn es diese Anerkennung nicht bekommt, führt es ein Affentheater auf, das jede billige Seifenoper in den Schatten stellt!

Freiwillig in seinem illusorischen Selbst weiterzuleben, ist aus der Perspektive, die sich mir nach meinem Erwachen auftat, einfach nur noch lächerlich und schändlich! Die Wahrheit meines Selbst ist so viel einfacher und erhabener:
 

ICH bin NICHTS!
Daher gibt es auch NICHTS zu verstehen!

Oder: Alles, was es zu verstehen gilt, ist NICHTS!

Smiley

Aus spirituellen Sicht

Om. Ich bin weder Geist, Intelligenz, Ego, noch Bewusstsein,
weder Ohren noch Zunge noch die Sinne von Geruch und Sehen,
noch bin ich Äther, Erde, Feuer, Wasser oder Luft,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Ich bin weder das Prana, noch die fünf vitalen Atemzüge,
weder die sieben Elemente des Körpers noch seine fünf Hüllen,
weder Hände noch Füsse, noch die Geschlechts- und Entleerungsorgane,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Weder Abscheu noch Vorliebe habe ich, weder Gier noch Verblendung,
ich habe kein Gefühl von Ego oder Stolz, weder Dharma noch Moksha,
weder Verlangen des Geistes noch ein Objekt für sein Verlangen,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Weder Recht noch Unrecht bin ich, weder Vergnügen noch Schmerz,
noch das Mantra, der heilige Ort, die Veden, das Opfer,
weder der Akt des Essens, noch der Esser, noch die Nahrung,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Tod oder Furcht habe ich nicht, auch keinen Unterschied der Kaste,
weder Vater noch Mutter noch eine Geburt habe ich,
weder Freund noch Kamerad, weder Schüler noch Guru,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Ich habe keine Form und keine Vorstellung, das Alldurchdringende bin ich,
überall existiere ich, doch ich bin jenseits der Sinne,
weder Erlösung bin ich, noch irgendetwas, das erkannt werden kann,
ich bin reines Wissen und Glückseligkeit: Ich bin Shiva! Ich bin Shiva!

Gebet von Sri Swami Paramahansa Ramakrishna, 1836 - 1886

Schlussfolgerung

Auf die Frage "Wer bin ich?" gibt es keine Antwort, sie ist unbeantwortbar.

Dein Verstand wird dir viele Antworten liefern. Dein Verstand wird sagen: "Du bist die Essenz des Lebens. Du bist die ewige Seele. Du bist göttlich", und so weiter und so fort. All diese Antworten müssen zwar behandelt werden, jedenfalls zu Beginn deiner Heimreise. Doch je weiter du voranschreitest, desto offensichtlicher wird es, dass sie nirgendwo hinführen, ausser von dir weg.

Wenn du also wirklich wissen willst, "wer ich bin", dann wird es keinen anderen Weg geben, als dich selbst zu erkennen. Es wird kein Weg darum herumführen, dass all deine Fragen zurückgewiesen werden müssen. 

 

NETI NETI - man muss immer wieder sagen: "Weder dies noch das."

Wenn du alle möglichen Antworten, die der Verstand sich ausdenken kann, abgelehnt hast, wenn die Frage absolut unbeantwortbar bleibt, geschieht das Wunder, das du schon seit Äonen suchst.

 

Plötzlich verschwindet auch die Frage. Wenn alle Antworten verworfen wurden, hat die Frage keine Stützen mehr, keine inneren Stützen, auf denen sie stehen kann. Sie fällt einfach um, sie bricht zusammen, sie verschwindet.

Wenn die Frage verschwindet, dann weisst du!

Doch dieses Wissen ist keine Antwort, es ist existenzielle Erfahrung!